„Cash flow”, „fair value” und „earnings before interest and taxes”. Sie verstehen diese Wörter nicht? Nun, dann sollten Sie erst gar nicht hoffen, die Geschäftsberichte deutscher DAX-Unternehmen zu verstehen. Denn diese sind gespickt mit Anglizismen.

Durchschnittlich 14 Anglizismen (Wörter englischen Ursprungs)  pro Seite fanden Wirtschaftsprofessor Dr. Michael Olbrich und Diplom-Kauffrau Kathrin Fuhrmann in ihrer Studie, als sie die Geschäftsberichte deutsche DAX-Konzerne aus dem Geschäftsjahr 2009 untersuchten.

Mehrere Anglizismen in nur einem Satz

Sie kritisieren die Unverständlichkeit von Sätzen wie den folgenden:

„Im IV. Quartal haben wir bis auf geringfügige Ausnahmen das Cash Flow Hedge Accounting beendet und nutzen seitdem für das Zinsrisikomanagement Micro und Portfolio Fair Value Hedge Accounting.“ (Commerzbank AG, Geschäftsbericht 2009, S. 212)

„T-Mobile Deutschland ist Vorreiter bei der Double-Play-Strategie: Complete- und Combi-Tarife bieten Flatrates für Telefonie und mobiles Highspeed-Surfen.“ (Deutsche Telekom AG, Geschäftsbericht 2009, S. 53)

Die Deutsche Bank, gefolgt von Siemens und der SAP – diese Unternehmen verwenden prozentual am häufigsten englische Wörter. Zumeist sind es Substantive, also Hauptwörter, und damit für die Aussagen über die jeweiligen Konzerne von zentraler Bedeutung. Im Gegensatz hierzu sind die für die strategischen Unternehmensaussagen unwichtigen Konjunktionen (da, während, weil) und Präpositionen (an, auf, bis, durch, gegen, über, unter, vor) fast immer deutsch.

Vokabeln büffeln statt Informationen erhalten

Groß ist auch die Anzahl der verschiedenen englischen Wörter. Wer Geschäftsberichte deutscher DAX-Unternehmen verstehen will, müsste also zunächst einmal Englisch pauken: „Im Falle des Geschäftsberichts der Deutschen Bank wären 391 Vokabeln zu lernen, bei Studium des Geschäftsberichts der Commerzbank sogar 465“, kritisiert der Leiter des Instituts für Wirtschaftsprüfung an der Universität des Saarlandes.

Die Befürworter der Anglizismen-Schwemme in deutschen Geschäftsberichten führen vor allem drei Argumente ins Feld, die sich jedoch alle widerlegen lassen:

Befürworter-Argument 1:

Englische Begriffe seien betriebswirtschaftliche Fachtermini.

Mit dieser Behauptung meinen die Anglizismen-Freunde, dass die verwendeten englischen Wörter inhaltlich eindeutig und präzise seien, ganz so, wie man es von Fachbegriffen (Fachtermini) in der Wissenschaft gewohnt sei. Dass dies nicht der Fall ist, zeigen die Autoren der Studie beispielsweise mittels „cash flow“,  dem am häufigsten verwendeten Anglizismus. Zahlreiche Definitionen und Begriffsdiskussionen gibt es hierzu in der betriebswirtschaftlichen Literatur. Also ist der englische Begriff keineswegs präziser als seine deutsche Entsprechung „Umsatzüberschuss“. Selbst gängige Anglizismen wie „Partner“ oder „Management“ werden oft mehrdeutig verwendet.

Befürworter-Argument 2:

Englische Begriffe seien notwendig.

Dieses Argument wird Lügen gestraft durch die Vielzahl der englischen Begriffe, für die es deutsche Entsprechungen gibt: Für den „cash flow“ den „Umsatzüberschuss“, für den „fair value“ den „Zeitwert“; um nur zwei zu nennen. Letztes Beispiel zeigt zudem: Der deutsche Begriff „Zeitwert“ ist neutral und kein Euphemismus (beschönigender Begriff), wohingegen der Anglizismus „fair value“ den Leser fälschlicherweise annehmen lässt, es handele sich um eine „fairen“, also positiv zu bewertenden Wert.

Befürworter-Argument 3:

Ein Glossar im Geschäftsbericht diene der Verständlichkeit.

Dieses Argument greift laut der Autoren ebenfalls nicht: Die meisten Glossare halten sie für unvollständig. So erklärt die Volkswagen AG nicht einmal 4% der verwendeten Anglizismen, bei der Infineon AG sind es rund 20%, die Adidas AG erklärt immerhin 43% der Begriffe.

Viele Erklärungen sind auch nur bedingt hilfreich für den nach Verständnis suchenden Leser; beispielsweise wenn der Begriff „free cash flow“ mittels des – im Glossar nicht erklärten Begriffs – „cash flow“ erklärt wird, wie dies die BASF SE tut.

Zudem fanden die Autoren der Studie keineswegs in allen Geschäftsberichten ein Glossar. Die Henkel KGaA und die SAP AG verzichten beispielsweise völlig auf solch einen Anhang.

Keine leichte Kost

Keine Frage also: Geschäftsberichte sind keine leichte Kost, sondern in weiten Teilen unverständlich oder missverständlich. Wer sich über DAX-Unternehmen informieren möchte, wird in deren Geschäftsberichte darum nur bedingt fündig. Dies ist für Leser ärgerlich. Und für die Unternehmen? Laut Aussage von Prof. Olbrich juristisch bedenklich. Dazu mehr im September im Bischl-Blog.

Quelle: Olbrich, Michael/Fuhrmann, Kathrin: DAX 30-Geschäftsberichte im Lichte von § 244 HGB und § 400 AktG. In: Die Aktiengesellschaft Heft 9 / 2011, S. 309-348

Nächstes Thema im Bischl-Blog:

Warum unverständliche Geschäftsberichte juristisch bedenklich sind.

 

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